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„WIMPEL“
von Regina Michalke Der Club Frankfurt am Main-Städel hat keinen Wimpel. Wir überreichen allen Gästen, die sich anschicken, den traditionellen „Wimpeltausch“ zu zelebrieren, anstelle eines RC-Städel-Fähnchens das von Klaus Gallwitz herausgegebene Buch „Besuche im Städel“. Es enthält eine Betrachtung berühmter Werke alter und neuer Meister, die in dem gleichnamigen Frankfurter Museum ihren Platz gefunden haben. Auf dem speziell für unseren Club gestalteten Umschlag (mit Rotary-Logo) kann man in Deutsch, Englisch und Französisch lesen, dass uns die durch die Namensgebung symbolisierte Verbundenheit zum Städel-Museum und seiner Kunsthochschule eine Verpflichtung gegenüber diesen wichtigen kulturellen Einrichtungen und ihren Zielen ist. Dennoch bleibt es ungewöhnlich, dass unser Club keinen Wimpel hat. Manchem Gast konnte man bei Überreichung des Büchleins ansehen, dass er sich bei aller Freude über das Geschenk doch noch ein wenig ungläubig und suchend umgeschaute – so wie ein Staatsgast schauen würde, dem man gerade erklärte, er habe soeben den Boden des einzigen Staates der Erde betreten, der nicht über ein eigenes Wappen und auch nicht über eine Flagge verfüge. Der Entschluss zum Buch wurde nach der Gründung unseres Clubs aufgrund einer Vielzahl angeregter und aufregender Diskussionen gefasst. Diese Gespräche trugen in nennenswertem Maße zum Zusammenwachsen unserer rotarischen Gemeinschaft bei, und dies wäre auch dann so gewesen, wenn wir uns damals für einen Wimpel entschieden hätten. Aber weil wir seinerzeit die Dinge hinterfragt hatten, ist unser Blick sensibilisiert und um manche Beobachtung reicher. Deshalb fühlen wir uns umso mehr berufen, nach 10 Jahren „Wimpelabstinenz“ das Thema sine ira et studio noch einmal zu beleuchten. Betrachten wir zunächst die äußere Erscheinungsform des rotarischen Wimpels. Der rotarische Wimpel sieht aus wie ein „Fähnchen“ und bleibt damit in der Tradition der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs „Wimpel“. Bereits das Grimmsche Wörterbuch von 18.. gibt Auskunft über die Herkunft des Wortes. Bei dem Wimpel, früher auch „Wumpel“ genannt, handelte es sich ursprünglich schlicht um die Bezeichnung für ein Tuch. Daraus entwickelten sich die Bedeutungen auf der einen Seite für einen Schleier oder ein Frauengewand, auf der anderen Seite für eine Fahne, insbesondere für ein „schmales Reiterfähnchen“. Das Wörterbuch zitiert eine frühe Erwähnung: „Wo sieht der Jugend Thatensehnsucht flattern die Wimpel des fernen Zieles?“. In der (zur Zeit der Bebrüder Grimm „neueren“ Sprachentwicklung findet sich im Wesentlichen nur noch die seemännische Verwendung als „eine lange, schmale, schwalbenschwanzartig gespaltene Flagge, die auf der obersten Spitze des groszen Mastes befestigt ist, nur von Kriegsschiffen als dauernder Schmuck geführt, von anderen Schiffen aber zu Signalzwecken benützt“. Der rotarische Wimpel ist in seiner äußeren Gestalt im Grunde dem „Fähnchen“ treu geblieben, wenngleich gewisse Variationen in der individuellen Formgebung feststellbar sind – als „Schwalbenschwanz“ bzw. drei, vier- oder fünfeckiger Banner, mit oder ohne Fransen. Was sich allerdings im Gegensatz zur eher traditionellen Formgebung in schier grenzenloser Pracht und Vielfalt darstellt, sind die Motive, die die Wimpel der einzelnen Clubs schmücken. Es gibt weltweit derzeit 31.400 rotarische Clubs, die fast alle mit einem Wimpel ihrer „corporate identity“ durch die optische Gestaltung der wenigen Quadratdezimetern (durchschnittlich etwa 4) gebührend Ausdruck verleihen möchten. Eine Beschreibung der dabei in Anspruch genommenen Motive kann gelegentlich auch unter Aufbietung aller stilistischen Möglichkeiten den optischen Eindruck nur marginal wiedergeben. Während wir dies hier formulieren, blicken wir – die Ehefrau des früheren Präsidenten eines anderen Frankfurter Clubs – z.B. auf einen (im Haushalt zufällig aufgefundenen) Wimpel des „Club Rotario Guayaquil Norte Distrito 4400“ in Ecuador. Das im Wesentlichen royalblau gehaltene fünfeckige Fähnchen eröffnet in seiner (ovalen) Mitte den Blick auf eine güldenfarbene Straßenschlucht im glänzenden Abendlicht. Im Vordergrund stehen zwei gleichermaßen güldene Statuen zweier Männer mit edlen Gewändern, die in stillem Einverständnis einen Blick wechseln, und von denen der eine dem anderen mit beschützender Gestik über den Rücken streicht. Um nur ein einziges Beispiel zu geben. Ungeachtet solcher durch die Konzentration auf das Wesentliche herausragender Exemplare ist unser Club, was die Darstellung von Zielsetzung und Selbstverständnis anbelangt, mit seinem Buch zweifelsohne in einer komfortableren Lage. Auf und zwischen den Buchdeckeln haben wir viel mehr Quadratdezimeter zur Verfügung, als auf einem Wimpel Platz sind. Und wie kann man eindrucksvoller als mit dem im Buch abgedruckten Text und den Abbildungen so berühmter Maler wie u.a. Picasso, Botticelli, van Eyck, Cranach, Holbein, Tischbein, Renoir, Beckmann, Corinth, Giacometti und Yves Klein versinnbildlichen, vor welchem kulturellen Hintergrund unser Club seine „corporate identitiy“ gesucht und gefunden hat! Aber wir wissen auch um die Nachteile unseres Sonderwegs zum Clubsymbol: Der erste hat mit Reisegepäck und Gewicht zu tun. Der oben abgebildete Wimpel wiegt 14 Gramm. Unser Buch 226 Gramm. Wer auf große Reise geht und die Absicht hat, 10 Clubs zu besuchen, muss 10 Bücher einpacken. Das erhöht das Fluggepäck immerhin um mehr als 2 Kg. Wer dagegen 10 Wimpel einpackt, hat keine Probleme mit der Fluggesellschaft und der Gewichtsbegrenzung. Gewichtiger als dieser vielleicht doch eher selten auftretende Nachteil ist ein anderer: Es soll Clubs geben, die über eigene Clubräume verfügen, in denen alle jemals von Gästen mitgebrachte und alle von den eigenen Mitgliedern auf Reisen ergatterten Wimpel wie Trophäen an der Wand hängen. Im Laufe der Jahrzehnte entsteht dann ein dicht verwobenes buntes Abbild eines rotarisch-globalen Netzwerks. Wir räumen ein, dass unser Buch so einfach nicht dazu zu hängen ist – schon weil man es weder an die Wand nageln noch an einem Haken baumeln lassen kann. So mag manchem leidenschaftlichen rotarischen „Wimpelsammler“ unser Buch als Fremdkörper erscheinen. Gerade so, als wenn man einem Sammer von Streichholzschachteln ein Feuerzeug schenkt mit der Bemerkung, auch damit könne man Feuer machen. Andererseits wird aber auch von Clubs berichtet, in denen die Frage des letztendlichen Verbleibs der wöchentlich vom Präsidenten entgegengenommenen Wimpel weitgehend als Tabuthema behandelt wird. Das betrifft wohl fast alle diejenigen Clubs, die ihre Meetings in einem (führenden) Hotel abhalten, und damit in Räumen, die zwischendurch auch unrotarisch genutzt werden. Dort gibt es keine „feste“ Wimpelwand. Da weder in irgendeinem Gesetz noch in der rotarischen Satzung die Frage des Eigentums an „anfallenden“ Wimpel geregelt ist, haben es selbst die (in allen Clubs vorzufindenden) Juristen durchweg billigend in Kauf genommen, dass der Verbleib dem jeweiligen ungeschriebenen Gewohnheitsrecht überlassen wird. Dies soll aber gelegentlich dazu geführt haben, dass die Frage der Verwendung von – aus Verlegenheit – in den Privathaushalt von Präsidentinnen und Präsidenten mitgebrachten Wimpeln regelrechte Ehekrisen entfacht hat, die beim Vorhandensein von Kindern mit Ihrem unverdorbenen Verhältnis zu Heraldiksymbolen noch verstärkt werden können. Solche Probleme entstehen bei einem Buch nicht. Da es kaum Rotarier gibt, die nicht zu Hause über ein Bücherregal verfügen, ist für unser schmales Büchlein immer – konfliktfreier – Raum vorhanden. Und dann hat ein Buch ja auch noch einen eigentlichen Verwendungszweck, der über die dekorative Platzierung und das äußerliche Betrachten hinausgeht. Aber seien wir nicht ungerecht! Ein Wimpel ist ein Wimpel und ein Buch ein Buch. Wir sind dankbar für jeden Wimpel, den uns die Gäste mitbringen und den wir bei auswärtigen Clubs entgegennehmen dürfen. Und wenn wir den Freunden aus aller Welt mit unserer etwas kleineren aber dickeren Gegengabe auch eine Freude bereiten können und damit gleichzeitig das Kulturinstitut, das uns den Namen gegeben hat, noch bekannter machen, dann ist dies mindestens so wirksam wie alles, was wir mit einem Städel-Fähnchen erreichen könnten. Wir haben eben kein Tuch. Wir haben ein Buch! Und wenn Johann Wolfgang von Goethe schon hätte Rotarier sein können, hätte er (frei nach Freund Meissner) an dieser Stelle sicherlich erklärt: „Über allen Wimpeln sei Ruh´“.
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